Linda Bilda
Die goldene Welt
Herausgegeben von Helene Baur und Melanie Ohnemus
Graphische Umsetzung: Toledo i Dertschei
88 Seiten, Softcover, 215 × 283 mm, deutsch
Vertrieb: Pictopia, Wien
Artclub Wien, 2026
ISBN: 978-3-200-11123-3
22,- Euro
"Die goldene Welt ist ein Comic, der die Realität durch unsere Gedanken verändern will. Der schnellste Comic des 21. Jahrhundert zeigt uns den Wettkampf um eine Erbschaft von 1 Milliarde Dollar. Geld, Drogen, Verbrechen, Sex, Musik, Wirtschaftskrisen, Terror, Liebesgeschichten, Aufstände, alles was die heutige Realität zu bieten hat."
(Linda Bilda)
Über fast zwei Jahrzehnte entwickelte Linda Bilda (1963-2019) ihren Comic Die goldene Welt als Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse. Bildas Praxis verbindet künstlerische, aktivistische und unternehmerische Perspektiven und reicht bewusst über institutionelle Kontexte hinaus. Comics dienten ihr als Werkzeug, um Machtstrukturen sichtbar zu machen und in sie einzugreifen.
Die 2026 erstmals publizierte Version wurde in editorischer Arbeit mit Zeichnungen und handschriftlichen Notizen aus dem Nachlass Linda Bilda rekonstruiert.
Direktbestellung: buero@artclub.wien
Storyline
In der goldenen Welt geht es um sehr viel Geld, genauer gesagt um 1 Milliarde Dollar, die der reiche Rick Subisha sieben Freund:innen nach seinem Tod hinterlässt. Doch er stellt eine Bedingung: der/diejenige, die den größten Profit aus einer Geschäftsidee erwirtschaftet, wird alles bekommen! Fieberhaft beginnen die sieben Charaktere Unternehmen zu gründen oder ihre Chancen an der Börse zu suchen. Ein Wettkampf, der die 7 Charaktere und ihr Leben aber auch das Schicksal der Welt verändert.
Der schwerreiche Rick Subisha erklärt den sieben Protagonist:innen in einer Videobotschaft: Das Vermächtnis von einer Milliarde $$$ soll der:diejenige bekommen, der:die mit seinem:ihrem Start-up den höchsten Profit macht. Danach erschießt er sich vor laufender Kamera. Rasch beginnen alle, Unternehmungen zu gründen beziehungsweise ihre Chancen an der Börse zu suchen, um mit allen Mitteln Gewinn zu erwirtschaften.
Handlungsort ist das Fort der Guten Hoffnung, ein gewaltiges Gebäude in Form eines Septagons, 50 Meilen außerhalb von San Ragno. Alle sieben Firmen haben dort ihren Unternehmenssitz.
Charaktere
Monica Alvarez, 43, ist Rechtsanwältin aus Paraguay. Sie gründet das Securityunternehmen Cosmic Risk und bekommt durch alte Bekannte den Auftrag, ihre Söldnerinnen - es sind nur Frauen - in ein Krisengebiet zu senden. Tough, kämpferisch und gerechtigkeitsliebend. Setzt sich für ihr Volk ein. Sieht sich als Kämpferin für die Gerechtigkeit.
John Ohneangst ist Physiker und träumt davon, die Energiefrage der Welt mit alternativer Energiegewinnung zu lösen. Er ist Harvardabsolvent, Weltverbesserer und besitzt ein unterirdisches Magma-Kraftwerk namens Alternative Powers Unlimited. Transsexuell und klug. Wirft bald seine Ideale über Bord.
Dora Pandarella ist Musikscout und Gründerin des Unternehmens Bet and Sing, ein Eventcenter, in dem von Livemusikauftritten bis Wetten auf die Charts alles möglich ist. Sie ist Tochter des berühmten Musikers Lenny Pandarella, dessen Anerkennung sie gewinnen möchte. Handysüchtig und schnippisch, um ihre Unsicherheit zu verschleiern.
Francis Pax ist Genetiker und Ritter vom Orden des Schwarzen Kreuzes. Er strebt die Weltherrschaft an. Sein Unternehmen ist Pax Science, in dem er mit Gentechnik experimentiert. Er hält sich eine Gruppe von Ameisendienern als willige Werkzeuge des Ordens. Überheblich, intelligent und eiskalt. Sein Handeln folgt nur der Logik von Herrschaft.
Gwendolyn "Granny" Smith ist die Tante des verstorbenen Rick Subisha. Sie punktet durch ihre Kommunikationsfähigkeit und kann auch dadurch so manche Fäden ziehen. Schon immer hatte sie einen grünen Daumen, den sie jetzt bei Smart'n Herbs, einem Unternehmen, das Drogen für Pharmakonzerne anbaut, einsetzt. Zierlich, weise, misstrauisch und geschäftstüchtig. Drogensüchtig.
Herodes Bosch ist nach eigenen Angaben Fitnesstrainer mit dem Wahlspruch "Jedem das Seine, mir das Meiste". Onkel von drei Kindern: Andy, Shikura und Flora, die ihm helfen, die Verbindung mit der Realität aufrechtzuerhalten. Er gründet den Privatsender Hero Division. Er plant ein großes Frauenboxingevent mit hohem Wetteinsatz. Einfältig und ehrlich. Fitnesstrainer und Gründer eines Sportsenders.
Hy Hunter, Börsenfachmann, für ihn ist Geld einfach alles. Lebemann, ständig versucht er alle für sich zu gewinnen, Hy ist der neureiche Strahlemann, der vor Selbstvertrauen fast platzt. Redet in einer Tour und sagt nichts, ein Schmäh folgt dem anderen, nichts ist ihm heilig.
Kontext
Das Comic Die goldene Welt von Linda Bilda nimmt seinen theoretischen Ausgangspunkt in Jean-Pierre Voyers 1976 publizierter Untersuchung über die Natur und die Ursachen des Elends der Menschen. In dieser Schrift formuliert Voyer die These, dass Ökonomie nicht die Realität der Welt darstellt, sondern als (Herrschafts-)Idee die uns umgebende Realität allererst hervorbringt.
Die 1963 in Wien als Linda Czapka geborene und als Linda Bilda bekannt gewordene Künstlerin († 2019) war neben ihrer bildnerischen Praxis als Herausgeberin und Verlegerin von Publikationen in selbstorganisierten Zusammenhängen tätig. Dazu zählen neben den Zeitschriften Artfan gemeinsam mit Ariane Müller, 1991-1995) und Die weiße Blatt (gemeinsam mit Ulrike Müller, Kristina Haider und Nora Hermann, 1999-2005) die von ihr herausgegebenen NO POLITCOMIX (1994-2005). Ihr künstlerisches Selbstverständnis lässt sich durch ihre situationistischen Interventionen, die sie in direktem Bezug auf Guy Debords Rapport zur Konstruktion von Situationen (1980) in den 1980er-Jahren in Wien durchführte, die Gründung des Art Club Wien oder etwa die Erfindung und Patentierung des Produkts LightGlass nachvollziehen: Bilda betrachtete die Felder der Kunst, Politik und Ökonomie als zusammenhängend.
Ein auf dem Backcover von Linda Bilda, Keep it Real. Eine Koolektion von Comics und politischen Texten (2009) formulierter programmatischer Anspruch verdeutlicht das Selbstverständnis der Künstlerin: Comics fungieren für Bilda als analytisches und zugleich interventionistisches Medium, das darauf abzielt, gesellschaftliche Realität und Rollenverhältnisse nicht nur zu beschreiben, sondern aktiv zu verändern. In dieser Perspektive werden Comics zu einem emanzipatorischen Instrument, um die irrationalen, abstrakten und oft unsichtbaren Dimensionen politischer und sozialer Prozesse sichtbar und verhandelbar zu machen.
Die 2026 erstmals und posthum publizierte Version Die goldene Welt von Linda Bilda umfasst 81 Originalzeichnungen. Die Layoutstruktur, die Auswahl des Fonts sowie die Stilistik der Sprech- und Denkblasen hatte Linda Bilda bereits selbst - in Zusammenarbeit mit Toledo i Dertschei - entwickelt; zum Zeitpunkt der Wiederaufnahme der Arbeit am Comic waren jedoch erst 20 Seiten im Layout umgesetzt. Die Publikation basiert auf Materialien aus dem Nachlass Linda Bilda. Die Comicseiten wurden aus überlieferten Zeichnungen, Textfragmenten sowie digitalen und analogen Dokumenten rekonstruiert. Die Textebene gründet auf einer komplexen Zusammenführung von handschriftlichen Notizen, digitalen und analogen Vorlagen sowie mit Bleistift auf Post-its vermerkten Korrekturen. Nicht realisierte oder nur in Ansätzen ausgeführte Teile des Projekts wurden unter größtmöglicher Nähe zu den vorhandenen Quellen zusammengeführt. Editorische Ergänzungen und Setzungen beschränken sich auf die Anordnung und Verbindung des Materials. Die ursprüngliche Funktion einzelner Textkonvolute und ihre vorgesehene Position innerhalb des Comics lassen sich nicht in allen Fällen eindeutig bestimmen; ihre Platzierung erfolgt aus dem Zusammenhang der überlieferten Materialien. In einer einjährigen, akribischen Recherche wurden die Fragmente von den Herausgeberinnen zusammengetragen, aufeinander bezogen und ausgewertet.
Mit der 2025 im Kunsthaus Glarus gezeigten Ausstellung Die goldene Welt initiierte die Direktorin Melanie Ohnemus sowohl die erste umfangreiche Präsentation von Linda Bildas Werk außerhalb Österreichs als auch die Herausgabe des vorliegenden Comicbuchs. Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit dem Nachlass Linda Bilda konzipiert und konzentrierte sich insbesondere auf das zeichnerische Werk der Künstlerin. Präsentiert wurden mehrere Fassungen und Nebenzeichnungen des Comics sowie umfangreiche Vorstudien, die den Arbeitsprozess in seiner Vielschichtigkeit nachvollziehbar machten. Ergänzt wurde die Ausstellung durch weitere zentrale Werkgruppen aus dem zeichnerischen Œuvre, darunter politische Plakate, NO POLITCOMIX, kurze Comics sowie kollektive Zeitschriftenprojekte wie Artfan und Die weiße Blatt.